Motivationale, soziale und kulturelle Aspekte im Wissensmanagement (MSKWM 2011)

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Beiträge

Bericht

Moderatorin Christine Kunzmann
Andreas Schmidt
Ingo Bildstein
René Peinl
Stefan Thaler
Christiane Zehrer

Der Workshop mit rund 40 Teilnehmern wurde eröffnet von Andreas Schmidt, der zum einen die Thematik des Workshops umriss, zum anderen Beiträge aus dem EU-Projekt MATURE vorstellte. Dabei stand im 1. Teil insbesondere im Vordergrund, welche Bedeutung motivationale, soziale und kulturelle Aspekte für die Wissensarbeit haben und dass insbesondere Wissensarbeit auch tiefergehende Veränderungen (weg von traditionellen "Zuckerbrot und Peitsche"-Ansätzen) in der Beziehung von Organisation und Mitarbeiter erforderlich macht. Er stellte auch Ansätze für eine neues Verständnis von Motivation aus psychologischer Seite (Grundbedürfnisse Autonomieerleben, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit nach Deci & Ryan) sowie das populäre Buch von Dan Pink (Drive) vor, der Autonomie, das Streben, besser zu werden, und den Sinn des eigenen Tuns als Triebkräfte identifiziert. Dies wurde auch in der Diskussion weiter vertieft. Dabei wurde erkannt, dass eine Veränderung der derzeitigen Organisationen nicht einfach ist, da ein gönnerhaftes Zugestehen von Autonomie beispielsweise seinen Effekt zwangsweise verfehlen wird. Stattdessen muss hier viel stärker auf Aushandlungsprozesse gesetzt werden, wobei unklar blieb, wer und wie diese Transformation der Organisation auslöst, begleitet und steuert. Im zweiten Teil lag der Fokus auf den empirischen Ergebnissen einer Interview-Studie, wo motivationale Barrieren analysiert wurden.

Der Beitrag von Ingo Bildstein näherte sich dem Problem von einer konzeptionelleren Seite und systematisierte die Thematik. Er fokussierte speziell auf das Thema Volition, und in der Diskussion wurde dann stark das in der Präsentation aufgeworfene Stichwort der "dark side of knowledge management" diskutiert. Insgesamt zeigte der Vortrag auch die methodischen Schwierigkeiten auf, sich dem Thema zu nähern.

Es folgte ein mehr technisch orientierter Beitrag von Stefan Thaler über den Einsatz von Spielen für den Bau und das Abbilden von Ontologien. Dieser Vortrag rundete den 1. Teil des Workshops zu motivationalen Aspekten ab. In der darauffolgenden Diskussion wurde sehr engagiert über die Bedeutung von Spielen für das Wissensmanagement diskutiert. Neben dem vorgestellten Ansatz des Crowd-Sourcings und dem Einsatz von Spielen in der Weiterbildung war allerdings unklar, was man aus dem Erfolg von Spielen lernen konnte. Wie oft in diesem Zusammenhang wurde auch auf das Flow-Konzept verwiesen, das (nicht unumstritten) als optimaler motivationaler Zustand gesehen wurde. Spielmechanismen wurden ebenfalls diskutiert, wobei hier unklar war, inwieweit diese wirklich hilfreich sind, da der Begriff doch sehr weitgefasst ist und Aspekte wie Wettbewerb durchaus auch negativ wirken können.

Am Nachmittag rückten dann die kulturellen und sozialen Aspekte stärker in den Vordergrund. Julia Müller analysierte den dynamischen Zusammenhang zwischen Unternehmenskultur und Wissensmanagement durch die sog. Gabek-Methode für qualitative Forschung, die auf einer Methodentriangulation beruht. Hieraus hat sie Einflussfaktoren der Unternehmenskultur auf Wissensaustausch abgeleitet, die die Grundlage für einen systematischeren Zugang in der Unternehmensführung bilden.

René Peinl präsentiert in seinem Praxisbeitrag die Erfahrungen mit der Anwendung des Wissensreifungsmodells für die Kommunikation in Microsoft-Sharepoint-Projekten. Er vertrat dabei die in der Diskussion durchaus kontrovers diskutierte These, dass unterschiedliche Werkzeuge für die einzelnen Phasen eingesetzt werden sollen, da nur dann eine optimale Unterstützung gewährleistet wird; hier wurde der phasenübergreifende Charakter von Wikis beispielsweise entgegengehalten. Es zeigte sich, dass das Wissensreifungsmodell durchaus sehr gut als Kommunikationsinstrument taugt (sowohl für als reines Analyseinstrument als auch als Grundlage für Toolauswahl) und für Praktiker zugänglich ist, auch wenn dort im ersten Moment ein gewisser Widerwille ist, die etwas konzeptioneller Perspektive (statt eine rein toolfokussierten) einzunehmen. Weiterhin zeigte sich, dass die Benennung der Phasen mit den fünf I's für Praktiker nicht einfach zu verstehen war, wodurch auch das Projekt MATURE bestätigt wurde, dass die verwendete alternative Benennung besser geeignet ist.

Christiane Zehrer schließlich präsentierte ihre Erfahrungen mit der partizipativen Implementierung von Sozialen Medien für das Wissensmanagement, wobei speziell auch ein kultureller Aspekt (Umsetzung in Japan) in den Fokus trat.

In der abschließenden Diskussion wurde intensiv darüber nachgedacht, wie man das Feld voranbringen könnte, welche Fragen noch offen sind und wie man an diese methodisch herangehen könnte. Hierbei zeigte sich, dass dem Feld klar noch eine gewisse Reife fehlt, da insbesondere für die Gestaltungsdimension in Unternehmen nicht mehr als akkumuliertes Erfahrungswissen vorliegt, das sich nur schwer verallgemeinern lässt bzw. wo die wissenschaftliche Fundierung für eine Verallgemeinerung fehlt. Trotz der wiederholt betonten Wichtigkeit und Relevanz des Themengebietes, zeigt sich nach wie vor die Pionierarbeit, welche die Präsentationen leisten.

Call

Im Sog von Technologien von Social Software und Web 2.0 haben sich neben der klassischen organisationsgetriebenen Sichtweise gleichberechtigt die sozial-kollaborative, aber auch verstärkt die individuelle Perspektive etabliert. Inzwischen ist klar, dass erfolgreiche Lösungen nur zustandekommen, wenn man diese Aspekte zusammenbringt. Allerdings geschieht dies in vielen Fällen noch sehr ad hoc und ohne theoretische und methodische Fundierung.

Dies liegt nicht zuletzt darin begründet, dass hier unterschiedliche Disziplinen zusammenwirken müssen. Die Psychologie hat sich intensiv (sowohl theoretisch als auch experimentell) mit der individuellen Perspektive beschäftigt, doch noch immer klafft eine Lücke zwischen allgemeinen Motivationstheorien und konkreten Implikationen auf die Entwicklung von Systemen. Die Forschung im Bereich CSCW hat sich mit der sozialen Dimension von Technologieeinsatz beschäftigt. Aus der organisationalen Perspektive wurden auf der einen Seite Einflussmöglichkeiten wie z.B. Anreizsysteme untersucht und eingesetzt, auf der anderen Seite Organisationsentwicklungsprozesse mit speziellem Fokus auf Kulturentwicklung betrachtet, die mit der Einführung von technischen Systemen in Organisationen einhergeht.

Während erfreulicherweise die Disziplinen zusammenwachsen, ist das Wissen über motivationale, soziale und kulturelle Aspekte im Zusammenhang mit technischen Lösungen noch immer fragmentarisch. Wichtige Fragen

  • Wie wirken WM-Lösungen auf die individuelle (intrinsische wie extrinsische) Motivation auf unterschiedliche Mitarbeiter? Wie gestaltet man WM-Lösungen so, dass die individuelle Motivation gefördert wird?
  • Welche Auswirkung haben WM-Lösungen auf die sozialen Prozesse? Wie müssen sie gestaltet sein, um diese sozialen Prozesse positiv ausnutzen zu können?
  • Wie ist die Wechselwirkung von WM-Lösungen und Organisationskultur? Wie lassen sie sich systematisch an organisationale und insbesondere kulturelle Gegebenheiten anpassen (im Sinne einer kulturbewussten Gestaltung)?

Und: wie wirken diese individuellen, sozialen und kulturellen Aspekte zusammen?

In diesem interdisziplinären Workshop wollen wir diese Fragestellungen näher beleuchten und zur weiteren Vernetzung der Disziplinen beitragen.

Themen

Der Workshop konzentriert sich auf motivationale und kulturelle Aspekte des Wissensmanagement. Dabei geht es sowohl um theoretische und experimentelle Grundlagen, als auch Praxisberichte und Lessons Learnt. Hierzu gehören:

  • Modelle und Modellierungsansätze (und insbesondere deren praktische Anwendung) für das Verständnis von motivationalen, sozialen und kulturellen Aspekten des Wissensmanagements aus den Bereichen
    • Psychologie
    • Personalmanagement und Organisationstheorie
    • Soziologie
    • Usability Engineering
    • Informatik
  • Entwurfsmethodiken für die Einbeziehung von motivationalen, sozialen und kulturellen Faktoren in technische Lösungen
    • Erfahrungen mit partizipativer Entwicklung
    • Erfahrungen mit speziellen Forschungs- und Untersuchungsinstrumenten (wie z.B. ethnographische Studien, Experimente)
    • Indikatoren für die Evaluierung
  • Ansätze zur Beeinflussung motivationaler, sozialer und kultureller Faktoren, z.B.
    • Feedbackmechanismen
    • Anreizsysteme
    • Kulturbewusste Gestaltung
  • Erfahrungsberichte und Lessons Learnt aus der Einführung von Wissensmanagementlösungen im Bezug auf motivationale, soziale und kulturelle Aspekte